Zwei Werke voller Gegensätze

Konzert 29.05.22 Kyburg:

Beethoven op.74 Es-Dur und Honegger Nr. 2 D-Dur

Beethovens op. 74 steht als eines der «mittleren» Quartette ganz im Zeichen des Übergangs. Es wird nach den herausfordernden Quartetten op. 59 heute als freundlich-heiter, verbindlicher und zugänglicher beschrieben. Doch im Gewand lieblich daherkommender Themen verbirgt sich motivisches Material, das Beethoven auf kleinstem Raum in gewagten Harmonien, schroffen Wechseln, Einbrüchen, Vorwärtsstürmen und Sich-Verlieren verarbeitet. Einem Rezensenten der Uraufführung kam es daher auch wunderbar und fremdartig, tief und schwer, mit düsterem Geist vor. Das Experimentelle der späten Quartette scheint schon auf. Die Stimmen sind eigenständig verwoben, alle finden ausdrucksvolle Phrasen und technische Raffinessen vor. Der kompositorische Einfallsreichtum begeistert uns in jeder Probe, die Kunst der Variation führt Beethoven in allen Sätzen vor. Es gibt kein Zurücklehnen, schon kommt der nächste Charakterwechsel, ein innehaltendes Fragezeichen. Der Übername «Harfenquartett» ist aus der vielseitigen Verwendung von pizzicati (Zupfen) vor allem im ersten Satz abgeleitet, die auch eine atemberaubende Geigenkadenz einleiten.

Honegger, zwischen Le Havre, Zürich und Paris beheimatet, ist von Einflüssen der deutschen und französischen Musiktradition und musikalischen Avantgarde der «Groupe de Six» geprägt, aber auch von Unterhaltungsmusik und Jazz. Als Geiger habe er sich für die Quartette von Béla Bartók begeistert. In seinem 2. Streichquartett von 1934–1936 werden auch starke Gegensätze vereint – lyrische Melodiebögen, motorische Passagen, harmonisch vielschichtig übereinandergelegt im ersten Satz, impressionistisch flirrende Begleitfiguren zu gesanglichen Hauptstimmen im zweiten Satz, die von unheilvollen expressiven Motiven gestört werden. Der aggressive Gewaltausbruch entfaltet sich im letzten Satz in einem im Tempo kontrollierten Sturm mit Seitenthemen, die an Schostakowitsch denken lassen.

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