Beethoven, Wehrli und die expressive Kraft des Streichquartetts
„Musik von Beethoven ist Gewalt in ihrer schönsten Form.“
Dieser Satz könnte von Jean-Paul Sartre sein – und er kann auf kaum ein Werk so treffend angewendet werden wie auf Ludwig van Beethovens Streichquartett in F-Dur, op. 59 Nr. 1, das erste der drei sogenannten Rasumovsky-Quartette. Entstanden 1805–06, also zur Zeit der berühmten „mittleren Schaffensperiode“, sprengt dieses Werk nicht nur formal den bisherigen Rahmen der Gattung. Es bricht auf, es fordert heraus – und es überwältigt.
Beethoven: Mehr als «nur» Kammermusik
In einer Zeit, in der das Streichquartett als elegante, fast höfische Form der musikalischen Konversation galt, katapultiert Beethoven mit op. 59 das Genre in neue Sphären. Die Sätze sind ausladend, teils sinfonisch gedacht, ja geradezu monumental. Der Kopfsatz allein überschreitet mit seiner dramatischen Entwicklung und motivischen Arbeit das, was man von einem Quartett jener Zeit erwarten würde. Und mittendrin: Gewaltige Ausbrüche, abrupte Wechsel, Spannung bis zur letzten Note – all das, was Sartre vielleicht als „schönste Gewalt“ empfunden hätte. Schönheit und Wucht schließen sich bei Beethoven nicht aus – sie bedingen sich.
Besonders bemerkenswert: Das Finale integriert ein russisches Thema, das sich der Auftraggeber – Fürst Rasumovsky – selbst gewünscht hatte. Doch Beethoven übernimmt dieses Thema nicht einfach höflich im Konversationsstil seiner Vorgänger, sondern er zerlegt, durchleuchtet und transformiert es. Was als folkloristische Geste beginnt, wird zu einem dramatischen Spiel mit Identität und Fremdheit.
Wehrli: Quartett als inneres Drama
Etwa ein Jahrhundert später entstand die Musik von Werner Wehrli (1892–1944), einem der interessantesten, heute aber leider unterschätzten Schweizer Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Streichquartett op. 8 aus dem Jahr 1921 steht ebenfalls an einem Übergang – stilistisch, kulturell und persönlich.
Wehrli hatte ein feines Gespür für psychologische Tiefe und, ähnlich wie Beethoven, eine starke expressive Linie. Auch in seinem Quartett hören wir Dramatik, aber mehr nach innen gekehrt. Die „Gewalt“ ist hier subtiler, oft impressionistisch verschleiert oder expressionistisch verdichtet. Melodische Linien flackern auf, verdampfen, brechen sich an rhythmischen Faltungen. Das Werk wirkt wie ein innerer Monolog, manchmal aufgeraut von existenziellen Fragen, die auch in der Musik Beethovens durchscheinen – nur ohne dessen heroischen Gestus.
Verwandte Seelen im Ausdruck
Was verbindet also Beethoven und Wehrli? Es ist die Überzeugung, dass Musik mehr sein kann als Unterhaltung – dass sie seelische, ja existentielle Zustände ausdrücken darf, manchmal muss. Beide Werke sind durchzogen von Spannung, innerem Ringen, von Ausbruch und Einkehr. Das Quartett wird hier zur Bühne des Menschlichen – zur akustischen Persönlichkeitsstudie.
Während Beethoven dabei oft auf starke Kontraste setzt – Hell gegen Dunkel, Form gegen Freiheit –, arbeitet Wehrli mit feinerer Nadel. Doch das expressive Ziel bleibt ähnlich: Musik, die den Hörer herausfordert, berührt und bewegt.
Heutiges Hören
Für das Publikum von heute bieten diese beiden Werke besondere Einsichten. Sie zeigen zwei Künstler an Schwellen – Beethoven auf dem Sprung in seine „heroische Phase“, Wehrli als sensiblen Chronisten einer Welt im Umbruch nach dem Ersten Weltkrieg.
Beide sprechen eine Sprache, die auch heute noch wirkt – wenn man sich ihr öffnet. Und wenn man bereit ist, in der Musik auch jene Kraft zu hören, die Sartre vielleicht mit „Gewalt“ meinte: nicht Zerstörung, sondern emotionale Wucht. Eine Gewalt, die nicht verletzt, sondern offenlegt. Genau darin liegt ihre Schönheit.